Was sind Ess-Störungen?

Ess-Störungen - Diagnosen, Erscheinungsformen und Ursachen

Zur Festlegung der Diagnosekriterien existieren aktuell weltweit zwei medizinische Klassifikationssysteme, zum einen das ICD 10 („International Classification of Diseases“) das von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wurde und das DSM IV („Diagnostic and Statistical manual of Mental Disorders“), das von der American Psychiatric Association entwickelt wurde:

1. Anorexia nervosa (ICD 10: F 50.0, DSM IV: 307.1)

  • Extreme Gewichtsabnahme (mindestens 15 % des Ausgangsgewichts) innerhalb kurzer Zeit und/oder BMI von 17,5 oder weniger, wobei der Gewichtsverlust willentlich selbst herbeigeführt wird durch Vermeidung von hochkalorischen Speisen und/oder: selbst induziertes Erbrechen, selbst induziertes Abführen, übertriebene körperliche Aktivitäten, Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Diuretika
  • Extreme Angst vor einer Gewichtszunahme oder dem Dickwerden trotz bestehendem Untergewichts
  • Gestörte Körperwahrnehmung hinsichtlich Gewicht, Größe und Form des eigenen Körpers
  • Ständige gedankliche Beschäftigung mit Essen, Nicht-Essen, Kalorien
  • Amenorrhoe (Ausbleiben von mindestens drei aufeinander folgenden Menstruationszyklen)

Nach ICD 10 wird unterschieden zwischen einer Anorexia „binge-eating/purging-Typs“ (F 50.01), d.h. es können auch Fressanfälle mit selbst induziertem Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien oder Diuretika auftreten und einer Anorexia „restriktiven Typs“ (F 50.00), d.h. die Magersüchtige hat keine Freßanfälle, erbricht nicht und benutzt keinerlei Laxantien/Diuretika, um weitere Gewichtsabnahme zu erreichen.

Körperliche Folgeschäden und Komplikationen bei Magersucht können sein: Schlafstörungen, Osteoporose, Hypothermie, Hypotonie, Nierenschäden bis hin zu Nierenversagen, Elektrolytimbalancen, kardiovaskuläre Veränderungen, verlangsamter Herzschlag, der zu Schwindel und Ohnmachten führen kann, Oedeme, Haarausfall, Lanugobehaarung, niedrige Pulsfrequenz, organische Psychosen.

Die Mortalität bei Magersucht liegt zwischen 4%-20%, Beginn der Erkrankung meist in der Pubertät oder Adoleszenz, es gibt jedoch auch „Spätanorexien“. Ca. 1% der weiblichen Bevölkerung zwischen 15 und 35 Jahren ist von Magersucht betroffen.

Häufig bei Magersüchtigen sind ausgeprägte Zwangssymptome und depressive Symptome. Die meisten Magersüchtigen haben quälende Hungergefühle, leugnen diese aber vor der Umwelt und auch vor sich selbst. Sie sind meistens sehr leistungsorientiert, intelligent, oft überdurchschnittlich begabt. Die extreme Leistungsorientierung drückt sich auch in ausgeprägtem Ordnungssinn, besonderer Sauberkeit und gesteigertem Pflichtbewußtsein gegenüber Eltern und Geschwistern aus. Für andere bereiten Magersüchtige oft üppige Mahlzeiten zu, sammeln Rezepte, lesen Kochbücher, meiden jedoch selbst in Gesellschaft zu essen, ziehen sich aus Aktivitäten zurück, die in irgendeiner Weise mit gemeinsamem Essen zu tun haben.

Als Ursachen von Magersucht kann ganz zentral das verzweifelte Ringen um Eigenständigkeit und Selbstbestimmung angesehen werden, Magersüchtige sind in ihrer Kindheit oft überangepaßt, symbiotisch mit ihrer Mutter verbunden und in der Reifungskrise der Pubertät von einem Gefühl der Ohnmacht gegenüber der notwendigen intrapsychischen und interpersonellen Selbstbehauptung beherrscht. Magersucht kann eine Form der Abwehr gegen ängstigende sexuelle Wünsche sein, eine Weigerung Frau (wie die Mutter) zu werden, sein und/oder angesichts der Aufgaben der Pubertät oder Adoleszenz, der Versuch, wieder in die heile Welt der Kindheit zurückzukehren. In der Familie haben Magersüchtige als Symptomträger oft die Funktion, ein untergründig konfliktgeladenes Familiensystem zusammenzuhalten, wenn sich die gesamte Familie dann um die Magersüchtige sorgt und damit anderen Konflikten ausweicht.

2. Bulimia nervosa (ICD 10: F 50.2, DSM IV: 307.51)

  • Wiederholte Episoden von Essattacken in denen große Mengen von Nahrungsmitteln in sehr kurzer Zeit konsumiert werden (mindestens 2 Attacken pro Woche über einen Zeitraum von 3 Monaten) mit dem Gefühl, das Essverhalten während der Essattacken nicht unter Kontrolle halten zu können
  • Im Anschluss an die Essattacken selbst induziertes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, zeitweilige Hungerperioden, Gebrauch von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika und/oder übermäßige körperliche Betätigung, um eine Gewichtszunahme zu verhindern
  • Krankhafte Furcht dick zu werden bzw. andauernde, übertriebene gedankliche Beschäftigung mit Figur und Gewicht

Wie bei der Anorexia nervosa wird unterschieden in einen „purging-Typ“ (regelmäßiges selbst induziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien, Diuretika, Appetitzüglern) und „non-purging-Typ“ (Fasten oder exzessive körperliche Betätigung) Sowohl von Anorexie als auch von Bulimie sind zu ca. 95% Frauen betroffen.

Körperliche Folgeschäden und Komplikationen bei Bulimie können sein: Magendilatation mit der Gefahr einer Magenruptur, Elektrolytstörungen, Herzrhythmusstörungen, gastrointestinaler Reflux, Oesophagitis, Dehydration, Oedeme, Durchfälle, Opstipation, Nierenschäden, Vitaminmangel, Müdigkeit, Schwindel, Menstruationsunregelmäßigkeiten (auch Amenorrhoe), Schwellung der Ohrspeicheldrüsen, chronische Heiserkeit und Halsschmerzen, Zahnschmelzerosionen, Tetanien, cerebrale Krampfanfälle, Schlaf- und Konzentrationsstörungen.

Bulimiekranke sind in der Regel normal- bis leicht untergewichtig, es gibt jedoch auch Bulimie in Verbindung mit Übergewicht. Unter Bulimie leiden in Deutschland ca. 1,5 Millionen Frauen. Das Suizidrisiko ist bei der Bulimia nervosa besonders hoch (10%). Die Bulimie tritt häufig gegen Ende der Pubertät und im frühen Erwachsenenalter auf, oft auch nach vorangegangener Magersucht.

Bulmiekranke leiden sehr häufig unter depressiven Verstimmungen und einem geringen Selbstwertgefühl hinter einer nach außen gezeigten perfekten Fassade. Durch den großen Nahrungsmittelverbrauch kann die Bulimie zu finanziellen Problemen, Verschuldung, Stehlen von Nahrungsmitteln und sozialem Abstieg führen. Meist sind Bulimiekranke beruflich sehr ehrgeizig, leistungsorientiert und perfektionistisch und verheimlichen ihre als schuld- und schamhaft erlebten Essattacken. Bulimie tritt häufig in Verbindung mit Alkohol- und Medikamentenabusus sowie autoaggressiven Handlungen auf. In 50% der Fälle findet sich sexueller Missbrauch in der Anamnese.

Als Ursachen von Bulimie sind vor allem ein Mangel an Selbstwertgefühl, eine gestörte Autonomie-und Identitätsentwicklung und Selbstunsicherheit bekannt, die sich darin ausdrückt, dass bulimische Frauen es nicht gelernt haben, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen, zu differenzieren und gegenüber anderen zu vertreten, sich stark abhängig und orientiert an den Erwartungen anderer Menschen fühlen. Die familiäre Situation ist häufig durch große Unsicherheit und ambivalente Bindungen geprägt bei einem gleichzeitig stark von Leistung dominierten Familienklima, in dem Konflikte vermieden werden und widersprüchliche Botschaften den Umgang miteinander kennzeichnen.

3. Psychogene Adipositas, Esssucht (ICD 10 F 50.4), Binge-eating-Disorders (DSM IV)

Adipositas bedeutet einen Überschuss an Körperfett ab einem BMI von 30, ab einem BMI von 40 handelt es sich um „Adipositas per magna“. Die Adipositas allein bedeutet keine eigenständige Erkrankung sondern eher ein Risikofaktor für andere Erkrankungen.

Für Binge-eating, psychogene Adipositas oder Esssucht, unter der ca. 20-30% aller übergewichtigen Menschen leiden gelten folgende Kriterien:

  • Wiederholte Episoden von Essanfällen, Aufnahme einer Nahrungsmenge, die deutlich größer ist als das, was die meisten Menschen unter ähnlichen Umständen zu sich nehmen würden
  • Mindestens drei der folgenden Kriterien: sehr viel schnelleres Essen als normal; Essen bis zu unangenehmen Völlegefühlen; Aufnahme großer Nahrungsmengen ohne hungrig zu sein; Alleinessen wegen Scham und Peinlichkeit; Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, Depressivität nach den Essanfällen
  • Durchschnittlich mindestens zwei Fressanfälle pro Woche über mindestens 6 Monate
  • Es werden keine Gegenmaßnahmen zur Verhinderung von Gewichtszunahme durchgeführt
  • und die Essstörung tritt nicht ausschließlich während einer Episode von Anorexia oder Bulimia nervosa auf.

Körperliche Folgeschäden von Esssucht können sein: Störungen des Fettstoffwechsels, Gefäßsklerose, Hypertonie, Diabetes, Bindegewebsschwäche, orthopädische Beschwerden, Zyklusstörungen, Impotenz. Die Prävalenz der Binge-Eating-Disorder in der Normalbevölkerung beträgt 2%, wobei ein Drittel der Betroffenen Männer sind. Der Beginn der Essstörung kann sowohl schon im Kindesalter, der Adoleszenz oder aber zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt liegen. Fast alle Esssüchtigen haben Diätvorerfahrungen bzw. gescheiterte Diäten hinter sich.

Esssüchtige lehnen meist ihren Körper ab (z.T. durch erlebte Diskriminierung von außen induziert oder verstärkt), richten Aggressionen gegen sich selbst, leiden unter Minderwertigkeitsgefühlen, Hemmungen, Kontaktschwierigkeiten, oft narzisstischen Depressionen.

Das Dicksein hat häufig eine unbewusste Schutzfunktion: z.B. die Auflehnung gegen ein erwartetes Rollenverhalten, Angst vor Sexualität, Vermeidung von Konkurrenzsituationen und Konflikten, wo es um Abgrenzung und/oder Expansivität geht. Für viele Esssüchtige fungiert das Essen als „Ersatzpartner“, bei dem sie Trost bei Einsamkeit, Langeweile, Frustrationen und innerer Leere finden.

90% der übergewichtigen Esssüchtigen sind bereits seit ihrer Kindheit übergewichtig und wurden von den Eltern mit Essen getröstet, beruhigt, stillgehalten, weggeschoben oder belohnt.

In der Anamnese Esssüchtiger finden sich häufig ängstliche Eltern, die ihren Kindern wenig Anregung zu Bewegung gaben und häufig deren Expansionsdrang verhinderten. Symptomauslösend sind oft Verluste, Trennungserlebnisse, Kränkungen und Enttäuschungen im persönlichenoder beruflichen Bereich.